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Philip: Wirst du sie töten?

Sergio: Man muss sie töten!

Philip: Ist sie giftig?

Sergio: Ja, sie ist giftig!

Juliana: Gibt es nicht die Möglichkeit sie zu beschwören?

Sergio fängt an laut zu lachen, besinnt sich aber nach kurzer Zeit wieder auf den Ernst der Lage. 

S: Wenn giftige Schlangen entlang des Weges hausen, müssen wir sie töten!

Kurze Pause

S: Ja, es ist sehr gefährlich für die Kinder, wenn sie entlang des Weges spielen!

Genau deswegen müssen wir sie töten! Wenn die Schlange eines der Kinder beißt, wird die Sache sehr kompliziert!

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Sergio fährt dort fort, wo er vor dem Zeitpunkt der Aufnahme seine Erzählung abgebrochen hatte. 

S: Wir fuhren in ein benachbartes Indianerdorf in mato grosso do sul, um uns selber über die Situation vor Ort zu informieren.

Wir sahen, dass der Kampf um die Erde dort sehr schwierig ist. Führer und Häuptlinge müssen sehr oft mit ihrem Leben bezahlen, um ein Stück Erde für die ihrigen zu garantieren.

Dort gibt es nur große Farmen und hauptsächlich Monokultur. Die Farmer haben alles invadiert und Mais, Soja, Gado und Zuckerrohr angepflanzt.

Sie drängen immer weiter in die terras  (Erde) der Indianer vor.

Die einzige Art Widerstand zu leisten, ist dort präsent zu sein!

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J: Verfügen die Indianer über Feuerwaffen, um sich zu verteidigen?

S: Ja, um sich zu Verteidigen, aber nicht prinzipiell zum Töten. Aber ihr Kampf ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Dort engagieren sich die ONG´S zu großen Teilen, sie unterstützen uns. Nationale wie auch Internationale verteidigen die Menschenrechte,

deswegen gibt es überhaupt noch Indianer dort, wenn nicht, wäre es mit den Indios schon vorbei.

Eine Henne fliegt über den Korridor, sie flieht vor einer Katze, die mit weiten Sprüngen hinter dem Geflügel herjagt. Die Henne erhebt sich laut gackernd

mit ein, zwei Flügelschlägen vom Boden und streift dabei Sergios Oberarm. Sergio weicht mit dem Oberkörper zurück und fährt fort.

Als wir dorthin fuhren, spürten wir ein großes Risiko, weil in unmittelbarer Nähe bewaffnete Söldner an uns vorbeigingen. Sergio demonstriert die Distanz mit Hilfe seiner Arme.

Sie fahren mit Motorrädern oder Jeeps. Wenn du allein dort gehst, dann war es das. Deswegen geht man dort nur in Gruppen oder man riskiert erst gar nicht und bleibt im Dorf.

In der Nacht, sagten Sie, dass es auch zu bewaffneten Überfällen kommen kann, Schießereien und diese Sachen.

Es gibt dort immer eine eingeteilte Wache, die alles überblickt und im Ernstfall Alarm schlägt. Wenn es zu einer Invasion kommt,

werden die Einwohner alarmiert und dann heißt es „laufen“.

Es ist verdammt schwierig dort, ich habe es selbst miterlebt.

Sergio ist sichtlich nervös und wippt mit dem Oberkörper, die Situation im Nachbardorf scheint ihn sehr zu  beunruhigen. 

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J: Sind die Weißen, os brancos im Begriff die Gebiete der Indianer zu invadieren oder wollt ihr bereits vereinnahmte Gebiete wieder zurückholen? 

S.: Es gibt beide Fälle. Einige invadieren und andere erobern zurück. Dort gibt es soviel Konflikte und es wird gemordet. Es ist so schwierig, Verdammt!

 P: Warum gelangt es nicht in die Medien? Warum hört man davon nichts in den Nachrichten?

S: Schwierig! In einigen Fällen gelangt es in soziale Medien wie Facebook, dort gibt es viele, die berichten und anklagen, aber in klassischen Medien, nein.

J: In den klassischen Medien wie „rede globo“ etwa nicht?

Rede globo ist vergleichbar mit dem österreichischen Rundfunk

S: Rede globo selbst, so glaube ich, steckt mit den Farmern und Agronomen unter einer Decke.

P: Der Staat hilft also nicht dabei, die Rechte der Indios zu verteidigen? Oder sind sie selbst in die Territorialkämpfe verwickelt?

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S: Also, der Staat handelte früher etwas mehr was die Verteidigung der Rechte anbelangt, aber aktuell, innerhalb des letzten Jahres, sehen wir,

dass der Staat nicht länger involviert ist. Es scheint sogar so, als würde der Staat die Indigenen verurteilen. Das ist sehr kompliziert.

J: Glaubst du, dass es etwas mit der Enthebung des Amtes von Dilma zu tun hat?

Dilma Russef, ehemalige Präsidentin Brasiliens, wegen Korruptionsvorwürfen des Amtes enthoben.

S: Auch. Die Dilma half den Indigenen kaum, aber zumindest hätte Sie nicht zugelassen, dass die Indianer überfallen werden.

Aber der, der vor 5 Monaten ihr Amt übernommen hat, er macht Schluss mit allem.

J: Mit was zum Beispiel?

 S: Subventionen für die FUNAI wurden gestrichen.

Fundacão nacional do Ìndio – Verein der sich für die Erhaltung der indigenen Bevölkerung in Brasilien einsetzt und diese unterstützt.

Die Funai wurde ziemlich geschwächt, sie haben auch die CPI in der Funai! 

CPI-Comissão Parlamentar de Inquérita, ist eine Kommission, die Korruptionsvorwürfe gegen Regierungsmitglieder unter Dilma untersucht. Eine regelrechte Welle von Anklagen gegen Politiker,

die wegen Korruptionsverdacht ins Licht der Ermittler rückten, hatte den Austausch des Regierungsstabs, einschließlich dem Amt der Präsidentin, zur Folge.

Auch in der Funai gab es nachgewiesene Korruptionsvorfälle.

S: Die CPI möchte auch die territorialen Grenzen neu vermessen. kurze Pause Sie beschuldigen die Funai, Indios bei der Landrückgewinnung zu unterstützen.

Sie machen alles, um unsere Rechte zu mindern.

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J: Wie ist die Beziehung in diesen Territorien zwischen Indios und MST?

Movimento dos sem terra/ Bewegung derer, die keine Erde besitzen  

S: In den letzten fünf Jahren schlossen wir uns an. Eine Bewegung von „Indios“, eine Bewegung mit „sem terra“ und die „Quilombolas“.  

Nachkommen geflüchteter Sklaven, die sich im Hinterland versteckt hielten. Sie kämpfen gegen die Vertreibung aus ihren Territorien.

Wir marschieren zusammen, weil die Quilombolas, ähnliche Umstände wie wir sie haben, erleiden müssen. Auch ihnen werden die Rechte entzogen.

Deshalb befinden wir uns alle zusammen in einem Kampf, zumindest für diesen Moment. Es ist für alle schwierig! 

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S: Ich glaube, dass die indigene Bewegung genug Stärke besitzt. Es gibt einen von uns, der immer in Brasília ist, informiert und Unterstützung sucht!

Es gibt wenige Vertreter, sehr wenige, ich glaube es sind nicht mal 15 Politiker die unsere Unternehmung unterstützen. Der Rest vertritt die Interessen der Farmer und der Mineralöl-Industrie.

Also, es ist kaum möglich gegen Sie anzukommen! Kurze pause

Aber wir sind hier und wir werden bis zum Schluss Widerstand leisten!

J: Ich habe heute mit einem jungen Mann hier im Dorf gesprochen, er sagte mir, er wolle Rechtswissenschaften studieren, um die Interessen der indigenen Bevölkerung zu vertreten.

Ich sagte ihm, dass ich verwundert sei, über die große Anzahl von Dörfern, die immer noch Widerstand leisten. Es handelt sich nämlich um einen Kampf wie bei David und Goliath.

Sergio nickt zustimmend

P: Die Menschen hier im Dorf erledigen die anfallenden Tätigkeiten im Miteinander. Wie lässt sich die soziale Struktur der Gemeinschaft beschreiben?

S: Unsere Organisation innerhalb des Dorfes funktioniert nach diesem Prinzip, deshalb nennen wir uns auch Kommune. Wir arbeiten alle zusammen.

Wir machen den Garten zusammen. Wir alle benötigen alle Hilfe. Deshalb hilft einer dem anderen, um zusammen den Weg zu bestreiten.

Das erleichtert die Arbeit die anfällt. Keiner hat Recht auf Mehr, aber auch nicht auf Weniger.

Hier sind wir alle gleich.

P: Du hast erwähnt, dass beim Schneiden von Holz oder beim Setzen von Pflanzen der Stand des Mondes berücksichtigt wird. Welchen Stellenwert hat die Natur für euch?

S: Wir wollen eine Abgrenzung des Landes, weil wir die Natur schützen wollen. Wir brauchen sie, um zu überleben, um zu atmen. Wir brauchen sauberes Wasser.

Wir müssen alles mitbedenken. Wir haben unseren Garten partiell angelegt, um nicht zu viel in den Wald eingreifen zu müssen. Wir roden nicht den Dschungel,

den wir zum Leben benötigen. Das verstehen die Leute draußen nicht, sie sagen, wir wollen einfach nur Land besitzen und benötigen es gar nicht. Sie sagen, wir zögern den Fortschritt des Landes hinaus. Wir hindern die Wirtschaft. Ich weiß nicht, wieso sie das glauben. Aber unser Gedanke ist anders. Wir respektieren die Natur und nehmen nur das, was wir zum Überleben brauchen. Wir Ìndios denken nicht ans Geld. Wir haben unser Land, um zu überleben. Wir können keinen Reichtum ansammeln. Reich zu sein, bedeutet uns nichts. Unser Reichtum besteht darin, einen Ort zu haben, an dem wir leben können. Einen Ort, um Gemüse anpflanzen zu können.Eine Natur, um ein Leben in einer Dorfgemeinschaft überhaupt zu ermöglichen. Wir brauchen Kontinuität für das Dorf, um auch ein Leben für unsere Kinder gewährleisten zu können. Eines Tages werden auch sie Kinder haben und gefordert sein, die Kontinuität aufrecht zu erhalten. Aber zurzeit sehen wir eine große Gefahr durch die Regierung, die uns die Rechte für Land aberkennen will. Das ist äußerst besorgniserregend für uns Indios, denn ohne Erde können wir nicht leben. Ohne Erde haben wir keinen Lebensraum. Wenn Sie uns aus unserem größten Reichtum vertreiben und das ist unsere Erde, dann wird es der Untergang des Indianervolks sein.

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P: Leider sind für Einige die Interessen nur finanzieller Natur.

S: Das ist ein interessanter Punkt den du ansprichst. Viele Weiße denken, dass der Indio nur die Erde besitzen will aber nichts damit macht. So wie hier.

Sergio zeigt auf die noch unberührte Landschaft vor sich

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Du siehst hier eine große geschützte Fläche, aber in ihren Köpfen ist es eine Verschwendung, Man könnte gut Soja, Gado anbauen. Geld verdienen.

Das ist gut für den Wachstum eines Landes.

Das ist eine Mentalität des occidentalen Weißen, dem, der von draußen gekommen ist, dem Kolonialherrn.

Pause

P: Dieser Kolonialgedanke ist leider noch sehr gegenwärtig. 

S: Es scheint, als wäre kein Ende der Habgier in Sicht. Sie möchten nicht wissen, ob jemand dafür leiden muss oder sogar sterben. Das interessiert sie nicht.

Sie möchten viel Geld machen, die Leute für sich arbeiten lassen und wenig für die Arbeitskräfte bezahlen.

Unser Konzept ist es, wie ich vorher schon gesagt habe, Respekt vor der Natur zu haben, die Bäume, die Tiere mit Respekt zu behandeln. Wir töten nicht um zu töten,

Wir verschmutzen auch kein Wasser weil wir wissen, dass das eine Kontinuität des Dorfes verhindert. Wenn wir nicht jetzt daran denken, dann werden wir nicht davon ausgehen können,

dass wir in zwanzig oder dreißig Jahren weder sauberes Wasser zum Trinken noch saubere Luft zum Atmen haben werden. Das bedenkt man nicht.

Das müsste man aber alles mitbedenken. Geld zu besitzen ist anscheinend wichtiger.

 P Was ist in diesem Zusammenhang für dich wichtig?

S: Die materiellen Sachen sollten nicht so wichtig sein im Leben. Ich sehe die Gesellschaft außerhalb des Dorfes. Derjenige der viel Geld hat ist Wichtig.

Derjenige der viel Geld hat ist sehr angesehen. Es scheint so, als hätten die Leute Respekt vor vermögenden Menschen.

Hier nicht. Wir haben keinen Respekt vor dem Besitz. Aber wir respektieren Menschen. Niemand ist hier wichtiger als der andere, niemand steht über dem Anderen.

Wir sehen die bedeutende Rolle von älteren Menschen und Kindern, Frauen und Männern in unserer Gemeinschaft. Jeder trägt seinen Teil dazu bei.

Das ist wichtig!

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Aufnahme des Interviews: 27.01.2017